Der Werwolf
Was ist ein Werwolf?
In vielen abendländischen Kulturkreisen der Antike und des Mittelalters bis hin zur Neuzeit findet
man den Begriff des Werwolfs. So wird diese Sagengestalt im skandinavischen Raum mit `Varulv', im französischen
mit `loup-garou' und in Irland mit `fáelad' bezeichnet. In der Literatur wird der Werwolf aber auch häufig
als `Mannwolf' bezeichnet und als Mensch in Tiergestalt beschrieben. Ebenso manigfaltig wie die
Epochen und Kulturkreise sind Bedeutung aber auch jeweilige Ursprungsquellen dieser Mythen- und
Sagengestalten. Im folgenden möchte ich einige kurz umreißen:
- Werwolf der Antike:
In der Antike war der Glaube an Wolfsmenschen weit verbreitet. Die Helenen nannten ihn Lykanthropos
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| Abb. 1: Lycaon wird von Zeus zur Strafe in einem Wolf verwandelt. |
(`Waldmensch'). Herodot berichtete im 5. Jh. v. Ch., die `Neuren', die ein
Gebiet nördlich der Skythen bewohnten, hätten die Macht,
sich für einige Tage im Jahr in Wölfe zu verwandeln. Es ist diskutiert worden, dass das
vielleicht mit der für südländische Augen ungewohnten Kleidung der Fremden aus Pelzwerk
zusammenhängen könnte.
Auch in dem antiken Griechenland war der Werwolfglaube sehr lebendig. Lycaon, König der
Arkadier, wurde aufgrund seiner unmenschlichen Grausamkeit von Zeus in einen
Wolf verwandelt, der fortan ruhelos durch die Wälder umherstrich. Die
Sage der Verwünschung Lycaons hängt stark mit Menschenopfern
zusammen, die auf dem Gipfel des Lycaion, dem Wolfsberg, dem Gott
Lycaios Zeus bis ca. 400 v. Ch. dargeboten wurden. Es hieß, jeder, der
von dem Opferfleisch aß, wäre dazu verdammt 10 Jahre als Wolf
umher zu irren, bevor er seine menschliche Gestalt zurückerhielt.
- Nordischer Werwolf:
In der altnordischen Überlieferung ist der Werwolfbegriff an den der Berserker und des zur Friedlosigkeit
Geächteten angelehnt. Solche wurden als Kveldulfr (`Nachtwolf') bezeichnet. Der Vater des Skalden Egil
soll ein solcher gewesen sein. Auch König Siggeirs Mutter soll sich, der Sage nach, in einen Bären
verwandelt haben können.
- Werwolf des Mittelalters:
Im Mittelalter kursierten die wildesten Werwolf-Geschichten. Dies ging einher mit der Darstellung
des zum `Nahrungskonkurrenten' gewordenen Wolfes als Sinnbild des Bösen, sogar als Satan selbst,
der seinen Vasallen die Fähigkeit gab, sich in Wölfe zu verwandeln und in dieser Gestalt das
Vieh zu töten und Menschen anzufallen. Dieser Prozeß der Verteufelung hatte seinen
Höhepunkt zur Zeit der Inquisition und hielt lange Zeit danach noch an. Um die Boshaftigkeit noch zu
unterstreichen, sprach man dem Werwolf sämtliche triebhaften Sünden und schlechte Charaktereigenschaften
der Menschen wie Sodomie, Habgier, Mordlust, Raub, usw. zu. Dabei wurde anscheinend der Begriff des
Werwolfs auf alle in Tiergestalt gehüllten Menschen ausgeweitet. Wie bei dem gleichzeitig
herrschenden Hexenwahn reichten geringste Beschuldigungen aus, um einen "Werwolf" auf den Scheiterhaufen
zu bringen. Die Werwolfprozesse waren
eine Farce, deren Urteile de facto schon feststanden, bevor man den Beschuldigten unter Zuhilfenahme
sämtlicher Methoden der peinlichen Befragung ihre Geständnisse abgepreßt hatte. Die darunter
geschilderten Details sowohl sexueller Vergehen als auch grausamster Tötungsdelikte der angeklagten
Werwölfe führten zu einer unwahrscheinlichen Aufwertung der ohnehin schon kursierenden Sagen und
Legenden. Die bei mittelalterlichen Werwolfprozessen aufgef�hrten
Fälle bewirkten eine Bekräftigung des
seit der Antike bekannten Werwolfglaubens.
- Moderner pseudowissenschaftlicher Werwolf:
Selten wird der Werwolf als Zwitterwesen aus Mensch und Wolf betrachtet, dessen Definition ich in
meinem Roman Metamorphosis – Die Metamorphosen des Wolf Wilson zugrunde lege.
Diese Definition schließt eine fundamentale Eigenschaft der klassischen Werwolf-Definition aus
− die des reversiblen Shapeshiftings.
Im Rahmen des sich wandelnden Leumunds des Wolfes und der steigenden Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung findet
man hier erstmalig Werwölfe mit positiven Eigenschaften, die sich in erster Linie durch ihre
Naturverbundenheit auszeichnen. Dieses Merkmal soll durch Verschmelzung von Tier und Mensch
unterstrichen werden. Allerdings überwiegt auch hier die Vorstellung des Werwolfes als reißerische
Bestie, die mordend durch ihr Revier irrt.
Wie entstand die Bezeichnung Werwolf?
Nun, es gibt viele Kulturen, in deren Mythologie Manntiere, halb Mensch halb Tier, vorkommen.
Gewöhnlich war das Tier ein großes Raubtier, welches bei Nacht jagt. Werkreaturen nehmen oft die
Gestalt des gefährlichsten Tieres des jeweiligen Gebietes an. So gibt es in Indien Wertiger, in
Afrika Werleoparden; die berühmtesten Werkreaturen sind jedoch die Werwölfe aus Mitteleuropa.
Die Silbe `Wer' kommt von dem alt-englischen Wort `wer', welches Mann bedeutet. Daher
Werwolf <—> Mannwolf
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